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Meditation in Krisenzeiten – standhaft bleiben

von Thomas (Schneider)

Veröffentlicht am
01.02.2022
Zuletzt aktualisiert
02.01.2026
Kategorie
Meditation in der Praxis

Meditation in Krisenzeiten kann uns helfen, mit Leid, Unsicherheit und innerer Überforderung verbunden zu bleiben. Gerade wenn das Leben schmerzlich, unübersichtlich oder schwer wird, bietet Meditation einen Raum, in dem wir uns selbst begegnen können – ohne uns zu verlieren oder abzuschalten.

Ein häufiger Irrtum besteht darin, Meditation in schwierigen Zeiten als Möglichkeit zu nutzen, um zu vergessen, abzusinken oder innerlich auszusteigen. Doch Abschalten ist keine Meditation. Im Gegenteil: Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, worum es in der Meditationspraxis wirklich geht.

Versinken als Vermeidungsstrategie

Viele Meditierende versuchen unbewusst, sich durch Meditation von schmerzhaften Gefühlen zu entfernen. Das tiefe Versinken, Wegdriften oder Vergessenwollen wirkt zunächst entlastend, führt jedoch nicht zu innerer Stabilität. In der Meditationspraxis wird dieses „Absinken“ nicht als Meditation verstanden, sondern als eine Form der Vermeidung und als typischer Fehler in herausfordernden Lebensphasen.

Eine Meditation, die uns vom Alltag entfernt, hilft nicht. Eine Meditation, die uns in den Alltag zurückführt, schon.

In der formalen Meditation – also im geschützten Übungsraum – machen wir Erfahrungen, die uns helfen, mit Scheitern, Krankheit, Verlust oder Ohnmacht umzugehen. Eine der zentralen Fähigkeiten, die wir dabei entwickeln, ist Akzeptanz: die Bereitschaft, dem zu begegnen, was gerade da ist, ohne es sofort verändern, lösen oder wegmachen zu müssen.

Scheitern und doch Standhaft bleiben, Achtsamkeit

In der formalen Meditation, also im geschützten Übungsraum, machen wir Erfahrungen, die uns helfen können, mit leidvollen Erlebnissen wie Scheitern, Krankheit oder Umständen außerhalb unseres Einflusses umzugehen. Eine zentrale Erfahrung dabei ist die Akzeptanz dessen, was gerade ist. Für viele Menschen wirkt Akzeptanz zunächst schwer oder sogar unmöglich. Häufig taucht die Frage auf: Wie soll ich akzeptieren, wenn mich starkes persönliches Leid trifft?

In der Meditationspraxis zeigt sich, dass Akzeptanz kein einmaliger Schritt ist, sondern ein Prozess. Oft durchlaufen wir verschiedene Stufen – von Widerstand und Nicht-Akzeptanz bis hin zu einer tieferen, manchmal auch radikalen Annahme dessen, was ist. Um diesen Weg der Akzeptanz anschaulich zu machen, hilft eine alte Geschichte. Sie beschreibt auf poetische Weise, wie wir dem begegnen können, was uns im Leben widerfährt:

Das Gasthaus von Rumi

Das menschliche Dasein ist wie ein Gasthaus
Jeden Morgen ein neuer Gast.

Freude, Depression und Scheitern, auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit kommen als unverhoffte Besuche.

Begrüße und bewirte Sie alle! Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist, die gewaltsam dein Haus seiner Möbel entledigt, selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.

Vielleicht reinigt er deine dunklen Gedanken,

die Scham, den Neid,

 für neue schöne Wonnen.

Begegne Ihnen lachend an der Tür und lade sie zu dir ein.

Sei dankbar für jeden der kommt,

denn alle sind zu deinem Geleit geschickt worden aus einer anderen Welt

Manchmal sind wir jedoch nicht bereit, diese unangenehmen Besucher hereinzulassen. Die Kunst der Akzeptanz besteht darin, sich den schwierigen Gefühlen und Empfindungen, die durch belastende Situationen entstehen, schrittweise zuzuwenden. Akzeptanz ist dabei kein Alles-oder-nichts-Zustand, sondern ein Prozess, der sich in Etappen vollzieht.

  1. Widersetzen: Wir versuchen, das Erlebte nicht zu fühlen, sondern zu verdrängen oder zu überdecken – etwa durch Ablenkung, Aktivität, Konsum oder andere Strategien. Gefühle sollen nicht da sein.
  2. Erforschen: Wir beginnen, uns dem Unbehagen vorsichtig zuzuwenden. Mit Neugier und Offenheit nehmen wir wahr, was sich zeigt, ohne es sofort verändern zu wollen.
  3. Aushalten: Wir bleiben präsent und standhaft. Das Unbehagen darf da sein, auch wenn es unangenehm ist. Wir halten es aus, ohne auszuweichen.
  4. Zulassen: Gefühle dürfen kommen und gehen. Wir erlauben ihnen ihre Dynamik und spüren, wie sie sich im Körper ausdrücken, ohne sie festzuhalten oder zu kontrollieren.
  5. Anfreunden: Wir erkennen den Wert der Erfahrung. Wir setzen uns innerlich mit dem Gefühl hin und lauschen darauf, was es uns mitteilen möchte.

In der formalen Meditation erlernen wir auf diese Weise, uns selbst Schritt für Schritt zu begegnen. Es entsteht ein bewussteres Wahrnehmen und Kennenlernen unserer inneren Gefühlswelt. Wird diese Praxis regelmäßig geübt, kann sie auch in realen und herausfordernden Lebenssituationen angewendet werden.

So lernen wir, leidvolle Erfahrungen zunächst anzunehmen und anschließend zu erspüren, was es in der jeweiligen Situation braucht, um uns selbst emotional zu regulieren. Wir treten in einen inneren Dialog mit schwierigen Emotionen, bleiben handlungsfähig und lösen uns aus der Opferrolle.

An die Stelle automatischer Reiz-Reaktionsmuster tritt ein bewusster, achtsamer und förderlicher Umgang mit dem eigenen Erleben.

Kommentare

  • Gepostet von Ingrid am 04.02.2022

    Vielen Dank für den bereichernden Text!

    Leidvolle Erfahrungen und der Umgang damit, wenn die Emotionen einen zu überwältigen drohen, das geht tatsächlich auch meiner Erfahrung nach zum einen über die Anerkennung der sich gerade in einer Situation oder Erfahrung zeigenden Realität und zum anderen über die Akzeptanz der Gegebenheiten.

    Das ist nicht leicht. Ich durfte aber schon öfter die Erfahrung machen, dass diese Form des "Trainings" hilfreich ist.

    Ganz konkret bin ich in Corona-Zeiten in einer engen Freundschaft damit konfrontiert gewesen, wie schwer es für mich auszuhalten ist, wenn eine ganz andere Welt- und Deutungssicht auf das Virus und den politischen Umgang damit besteht.
    Lange habe ich versucht, durch Dialog eine Brücke zu schlagen. Dies ist mir nicht gelungen.
    Hier in die Frage zu gehen, was noch an Schnittmenge der Freundschaft bleibt, wenn für mich wichtige Werte und Überzeugungen nicht (mehr) geteilt werden, hat mich viel Kraft gekostet und ich dachte, ich könne mit einer kleinen, sich immer mehr verkleinernden Schnittmenge leben.
    Heute erkenne ich, dass ich aktzeptiere, wie die innige Freundin denkt und lebt, dass aber diese Akzeptanz für mich auch eine natürliche Konsequenz hat.
    Es geht um mehr als eine lebbare Schnittmenge, es geht um (m)eine Haltung.
    Ich stehe ganz zu mir und meinen Werten bezüglich Demokratie und dem Vertrauen in die Wissenschaft und gehe in die Selbstfürsorge.
    Somit habe ich nun meinen momentanen Rückzug aus der Freundschaft ohne Schuldzuweisungen mitgeteilt und lebe dadurch letztlich einen guten Umgang mit mir. Selbstmitgefühl als Konsequenz der Akzeptanz beinhaltet in diesem Fall die natürliche Konsequenz der Abgrenzung nach 2 Jahren Bemühen um einen Brückenschlag, um mich selbst zu schützen.
    Offen bleibt, ob irgendwann eine liebevolle Begegnung wieder möglich ist. Ich wünsche es mir.

  • Gepostet von Sylvia am 02.02.2022

    Danke, das ist ein wunderbarer und wohltuender Beitrag zur aktuellen Situation bei uns und auf der Welt überhaupt. Diese aktuelle Situation dauert nun schon das 2. Jahr an und wurde noch gesteigert. Uns fehlt der Glaube tief in uns, dass es schon gut kommen wird und dass wir daraus lernen können. Eben dieses Hineinhorchen in unser Innerstes wahres Sein, dort diese Ruhe und Zuversicht zu spüren und daraus Kraft zu tanken für das richtige Handeln im Außen nennt man Resilienz, wenn ich es richtig verstehe. Das hat nichts mit Schönrederei oder gar Verdrängung zu tun. Wir sind uns trotzdem der Ernst der Lage bewusst aber wir bleiben im Gleichgewicht, wägen ab und sind entscheidungsfähig und handlungsfähig. Manchmal gibt es natürlich Augenblicke, wo uns allen dies wieder abhanden kommt. Eben dann sollte man wissen, wie ich wieder in mein Gleichgewicht komme; z.B. mit Innehalten, Meditation und auf unsere innere Stimme oder unser Herz hören. Wenn die Pandemie endlich vorbei ist, haben wir noch einmal die Chance auf dieser Welt (Umgang miteinander, Natur, Umwelt, Wirtschaft, Finanzen, Soziales, Gesundheitspflege jedes einzelnen) alles besser zu machen.


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